Kleine Chronik der Bergstadt Altenau

Altenau, unsere Bergstadt, wird erstmals als Forstgemeinde im Bereich des Oberförsters zu Osterode im Jahr 1580 als Bergflecken mit 20 Wohnhäusern erwähnt. Woher hat die Bergstadt ihren Namen ? Schon in einer Urkunde vom 21. Juni 1298 von einem Ritter Burghart von Wildenstein wird eine im Harz gelegene Hütte gleichen Namens erwähnt. Nach Urkunden von 1227, 1298 und 1310/11 tritt der Name in der Form von Casa = Hütte oder Tor "Altenau" bereits im Zusammenhang mit dem alten Bergbaubetrieb am Rammelsberg als Bezeichnung für eine Verhüttungsstätte im Harz auf.

Auch in anderen alten Schriften kann man den Namen "in der Altena" lesen. Sicher ist damit auch der Ort Altenau gemeint. Bis in das 16. Jahrhundert bezeichnete man dort ein Flüßchen "Altena", die letzte Stelle "ah" leitet sich von "aha" ab. "Aha" bedeutet bewegliches Wasser. In der ersten Silbe "Alt" des Wortes "Altenah" steckt das gotische Verb "alan", d. h. aufwachsen. Also bedeutet das Wort " Altenah" ein durch Zuflüsse angeschwollener Fluß. Verfolgen wir den Fluß - heute das Schneidwasser genannt - von der Wolfswarte (919m) kommend, wird er von kleinen Bächen gefüllt, fließt er in die Oker und von dort in das Staubecken der Okertalsperre, um die im Vorharz liegenden Gebiete bis Wolfenbüttel vor den jährlichen Überschwemmungen zu schützen.

Über die Schreibung des Ortsnamens war man geteilter Meinung. Tilly und Wallenstein schrieben z. B. "Altenaw" oder "Alltenaw". 1793 konnte man den Namen "Altenau" lesen und zwei Jahre später stand auf einem Totenschein der Name "Altona". Soviel zu den Namen unserer Bergstadt.

Um 1540 wurden die ersten Bergbauversuche bei Altenau unternommen und die ersten Häuser für die Bergleute bebaut. 1567 entstanden drei Gruben, die "Schatzkammer", die "Güldene Rose" und die "Güldene Schreibfeder". Da der erhoffte Gewinn ausblieb, mußte die Arbeit gegen Ende des 16. Jahrhunderts wieder eingestellt werden. Aber der Ort Altenau entwickelte sich schnell. 1588 hatte die Bergstadt schon eine eigene Kirche und einen Prediger. Als im Jahr 1594 der "Bergflecken" 35 Wohnhäuser zählte, setzte Herzog Wolfgang von Grubenhagen Richter und Schöffen ein. Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden rings um Altenau viele Gruben. Viele Erze wurden aus den Gruben geholt, so daß im Jahr 1610 am Nordausgang der Stadt eine Silberhütte gebaut werden konnte, die diese Schätze verarbeiten mußte. Zuerst wurde überwiegend auf dem bleireichen "Schatzkammer Gangzug" gebaut. Aber auch in den anderen 16 Gruben "Schreibfeder", "Rosine", "Treuer Friedrich", "St. Dorothea", "Haus Fürstenstein", "Gottes Segen", "Haus Bülow", "Grüne Tanne", "Untere Wolflilie", "Morgenstern", "Englische Krone", "St. Michael am Bruchberge" und "Silbergrube am Dietrichsberge" wurden ertragreich abgebaut. Es waren noch mehr Gruben tätig, deren Namen aber nicht mehr bekannt sind. Mit der Anzahl der Gruben wuchs auch die Bevölkerung des Ortes.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erließen die Landesherren der einzelnen Harzgebiete sogenannte "Bergfreiheiten". Durch deren Vergünstigungen wie z. B. freies Holz zum Bauen und Heizen, Kuhhaltung mit freier Waldweide, Back-, Brau-, Marktrecht und Glaubensfreiheit sowie Zubilligung eigener Richter und Räte wurden Bergleute aus anderen Bergbaugebieten zur Arbeitsaufnahme im Harz angeregt. So sind damals vorwiegend sächsische Erzgebirgler zugewandert und die sieben Bergstädte im Harz - St. Andreasberg, Bad Grund, Wildemann, Lautenthal, Clausthal, Zellerfeld und Altenau - mit zusätzlichen Arbeitskräften versorgt worden. Neben dem urkundlichen Nachweis für diese Zuwanderung aus dem Erzgebirge sei auf die bis heute in einigen Familie gebliebene und neuerdings wieder gepflegte Mundart der Oberharzer Bevölkerung hingewiesen.

1603 zählte man in Altenau schon 50 Wohnhäuser. Altenau gehörte bis 1617 zum Fürstentum Grubenhagen, fiel dann aber an den Herzog Christian von Lüneburg-Celle, der Altenau im gleichen Jahr die Stadtgerechtigkeit, verbunden mit dem Stadtwappen, verlieh. Das Stadtwappen zeigt auf grün-weißem Schild drei Bärentatzen mit den Wahrzeichen des Bergbaus, Schlägel und Eisen, sowie das für welfische Gebiet typische Zeichen der Waldhoheit, die Wolfsangel. In jener Zeit wurden die Altenauer Bergwerke und Hüttenbetriebe von zwei wohlhabenden Privatleuten namens Pancratius Müller und Berendt Frommknecht betrieben. Im Jahr 1618 wurde ihr gesamter Privatbetrieb dem Bergamt Clausthal unterstellt. Das Bergamt sicherte ihnen dafür in einem Vertrag ihr Besitztum auf acht Jahre zu. Dafür mußten sie anstelle des sonst üblichen "Zehnten" jährlich 800 Gulden zahlen. Gleichzeitig erhielten sie das Recht, Geschworene, Steiger, Arbeiter und Hüttenleute an- und abzustellen. Gruben, die nicht den erforderlichen Gewinn decken konnten, darunter auch die Gruben "Schatzkammer" und "Goldene Rose", die gegen das Grundwasser in einer Tiefe von 600m vergeblich ankämpften, mußten geschlossen werden.

Im Jahr 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus und der Bergbau kam von 1620 bis 1630 ganz zum Erliegen. Schutzbriefe von Tilly (1626) versuchten zwar, der kleinen Stadt die bitterste Not zu ersparen, aber es gelang nur zum Teil. Findige Leute wie der Richter Klaus Hänisch, sorgten dafür, daß eine kleine Industrie erhalten blieb. Mit Einwilligung mehrerer Fachleute wurde ein Bohr- und Schleifwerk errichtet. Die nötige Kraft für das Getriebe lieferten die Wasserfälle der großen Oker. Ähnliche Anlagen entstanden am Gerlachsbach und am Rothenbach. Berendt Frommknecht ließ 1623 am Rothenberg eine Mahl- und Ölmühle, später eine Eisenhütte und ein Zerrenwerk erbauen. Mit der Wiederinbetriebnahme der Grube "Untere Wolfslilie" am 27. Oktober 1630 von Christoph Seifert und der anschließenden Öffnung der um Altenau gelegenen Gruben und mit ihnen der Hüttenwerke, kam der Bergbau wieder zu einer wirtschaftlichen Blüte.

Die größte Eisenhütte entstand im 18. Jahrhundert. Sie war bestückt mit einem Hochofen, einer Gießerei, einem Eisenstein- und Schlackenpochwerk und einer Schleifanstalt. Sie konnte leider nicht lange existieren, weil die Unkosten zu hoch waren. Dahingegen hat die Altenauer Silberhütte ein hohes Alter aufzuweisen. Sie wurde 1618 von Privatgewerken fertiggestellt. Sie bestand aus einem Schliegmagazin, einer Schmelzhütte, einer Frischhütte, zwei Treibhütten, drei Röstehäusern, acht Magazinen, einem Gestübbe- und Kratzpochwerk und sechs anderen Gebäuden. Ferner fünf Hochofen, zwei Krummöfen, drei Treiböfen, einem Frischofen, einem Spleissofen, einem Saiger- und Garherd. Die Stadt entwickelte sich schnell. 1653 zählte sie schon 70 Wohnhäuser und 1669 mußte man die alte, sehr einfach gebaute Kirche, abreißen, um eine neue, größere zu bauen, um die gestiegene Anzahl der Gottesdienstbesucher aufnehmen zu können. 1682 wurde der Hüttenteich gebaut. Das gestaute Wasser des Rothenbaches konnte nun je nach Bedarf an die Gruben- und Hüttenbetriebe abgegeben werden. Das erneute Aufblühen des Oberharzer Bergbaus wurde 1691 mit dem Wiederaufbau der im 30jährigen Krieg verfallenen Silberhütte eingeleitet. Es folgte 1732 der Bau des noch heute bewundernswerten Dammgrabens, dessen vom Bruchberg kommendes Wasser auf hohem Damm über die Sösesenke hinweg zu den Clausthaler Bergwerksteichen geleitet wird.

Der geringe Silbergehalt der Altenauer Erze, die Ableitung des Betriebswassers durch den Dammgraben nach Clausthal und die allgemeine wirtschaftliche Notlage durch den Siebenjährigen Krieg führten zur Stillegung der beiden bedeutendsten Altenauer Gruben "Schatzkammer" und "Rose". Noch einmal zeigte sich 1794 ein Aufschwung durch die Errichtung einer Eisenhütte. Aber auch sie konnte den unaufhaltsamen Niedergang des noch verbleibenden Hüttenwesen nicht verhindern. Nachdem 1871 der Eisenhüttenbetrieb wieder eingestellt werden mußte, gingen auch die vier Pochwerke im Polstertal ein. Kurze Zeit darauf die Grube und das Pochwerk in Schulenberg und schließlich 1911 die Silberhütte in Altenau. Viele Berg- und Hüttenleute wanderten ab, wie die sinkende Einwohnerzahl zeigt. Ein besonderes Glück war es, daß der allgemeine Fremdenverkehr damals aufkam und dadurch die Gemeinde vor der schlimmsten Not bewahrt blieb. Den Einwohnern bleiben die Wälder als Erwerbsquelle und als Erinnerung an alte Zeiten die vielen Stätten ehemaligen Bergmannsfleißes.

Leider lagen über das erste Jahhundert des Bestehens der Bergstadt Altenau - wenn man von den Berg- und Hüttenbetrieben absieht - nur wenige interessante Informationen vor. Vielleicht hätte man wichtige Daten 1670 beim Kirchenneubau oder 1870 bei einer Turmreparatur finden können. Leider waren die Urkunden so vermodert, daß man nichts mehr entziffern konnte. In den späteren Turmneubau wurde bei der Einweihung eine Urkunde gelegt, die über die Bergstadt jener Zeit genau berichtet. Die Einwohnerzahl betrug derzeit 2.000. Täglich unterrichteten drei Lehrer 450 Kinder. Von 1827 war der Knabenlehrer Aeditus Rögener; der Kantor, Organist und Töchterlehrer Wilhelm Grünewald seit 1868 tätig, der aber im Juli 1870 in den deutsch-französischen Krieg einberufen wurde, und der Elementarlehrer Heinrich Hübner, der seit 1842 einer neuerrichteten Schulklasse vorstand. Ferner werden in der Urkunde die Namen und Ämter in der Stadtverwaltung aufgeführt. An der Spitze steht der Bürgermeister Conrad Tolle. Seit 1856 verwaltet er dieses Amt. Ihm zur Seite standen der Fuhrherr Heinrich Hoffmeister und Karl Holland. Die Bürgerschaft wurde zu jener Zeit von dem Hüttenmann Carl Mengler, Fuhrherr Carl Mengler, Former Carl Marquart und Hüttenmann Ernst Fricke vertreten. Auch einen praktischen Arzt, so wird berichtet, gab es damals schon in Altenau. Seinen Blutzoll für den deutsch-französischen Krieg (1870/71) erbrachte laut Urkunde die Bergstadt, indem sie 42 Männer auf dem Schlachtfeld lassen mußte. 22 Berg- und Hüttenleute waren unter ihnen.

Eine schreckliche Zeit erlebte die Bergstadt im Jahr 1872. Eine Pockenepidemie - eingeschleppt von einem Fremdarbeiter - überfiel den Ort. Altenau mußte wegen der Seuchengefahr von den umliegenden Orten isoliert werden. Vier Personen, bei denen sich die erst harmlose Krankheit in die "schwarzen Pocken" verschlimmert hatte, fanden den Tod. Soweit der Auszug aus den Urkunden, die man bei der Turmreparatur gefunden hat. - Ein ausführlicher Bericht steht in der Kirchenchronik. Als die Tage des Altenauer Berg- und Hüttenwesens gezählt waren und 1911 die letzte Hütte eingestellt wurde, kündete sich die neue Zeit an. Die Einwohnerzahl Altenaus hatte sich um ca. 800 Köpfe vermehrt. Man begann, die kleine abgelegene Bergstadt für den Fremdenverkehr zu erschließen. Schon 1898 bestand eine Kur-Commission, die dafür sorgte, daß in Altenau weilende Kurgäste für ihren Aufenthalt 4 Mark Kurtaxe (offen steht für welchen Zeitraum) zahlten. Ein Verzeichnis der bis zum 30. Juni im Jahr 1898 eingetroffenen Kurgäste weist den Besuch von 84 Gästen aus. 1926 wirbt Altenau im "Kroki-Führer" mit einer Beschreibung, die nahezu unwiderstehlich ist. Es heißt dort unter anderem: "Ragende märchenstille Forsten dehnen sich meilenweit ringsum und treten teil dicht an die Häuser heran. Lauschige Waldteiche, zahllose Quellen und lustig plaudernde forellenreiche Gebirgsbäche beleben ihren erhanenen Ernst..." Er spricht von der "unendlichen Einsamkeit und Stille dort oben" am Bruchberg und "von eigentümlichen melancholischer Schönheit" seiner Moore. Alles gehört heute der Vergangenheit an.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders aber Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre erlebte Altenau im Fremdenverkehr einen Boom, der bis in die 70er Jahre anhält. Dann aber durch die Möglichkeit, mit billigen Flugreisen der Reisegesellschaften südliche Länder zu erkunden und zu erforschen, rapide nachläßt. Altenau war nun, besonders für den jungen Feriengast, nicht mehr attraktiv genug. Der allgemeine Trend, Urlaub in fremden Ländern zu genießen, wirkte sich auch in den Harzkurorten negativ aus. In der Blütezeit des Fremdenverkehrs verzeichnete die Kurverwaltung in Altenau ein Gästeaufkommen bis zu 80.000 mit 700.000 bis 800.000 Übernachtungen.

Die Einwohner von Altenau und besonders die Vermieter von Fremdenbetten reagierten sofort auf die Fremdenverkehrsentwicklung. So wurde in der Folgezeit so mancher Kuhstall - und zu jener Zeit gab es noch eine "Damenkapelle" von ca. 200 Stück Kuhvieh - für Übernachtungszwecke um- und ausgebaut. Infolge des hohen Kurgastaufkommens genügten das Waldschwimmbad und der Marktgarten nicht mehr für die Veranstaltungen. Es mußten größere Flächen zur Verfügung gestellt werden. So lag es nahe, daß der 1953 gegründete Verkehrsverein in Altenau den an der Hüttenstraße hinter dem Hotel "Altenauer Hof" gelegenen ungenutzten Platz zu einem Konzertgarten ausbaute und diesen der Stadtverwaltung - sprich Kurverwaltung - schenkte, um später für die Unterhaltung Zuschüsse vom Land zu bekommen. Als nächstes baute man den Musikpavillon und später die Wandelhalle, die noch einmal vergrößert werden mußte. Den Marktgaten ziert jetzt ein Springbrunnen. Heute wird der Fremdenverkehr im Zuge der Gebietsreform nicht mehr von der städtischen Kurverwaltung, sondern von einer aus fünf Harzorten zusammengeschlossenen Kurbetriebsgesellschaft "Die 5 Oberharzer" geleitet. Die örtlichen Kurgeschäftsstellen sind in diese Gesellschaft integriert. Der Glockenberg, einst der schönste Berg von Altenau, weil von hier aus der Gast den schönsten Rundblick hatte, wurde einem Ferienpark geopfert. Als Bonbon bekam die Kurverwaltung das Hallenwellenbad und die Eissporthalle geschenkt, wodurch aber der Unwille der Altenauer Einwohner nicht gemildert wurde.

Hier haben wir nun den Nationalpark Harz vor unserer Haustür und müssen lernen, damit umzugehen. Bei aller gebotenen Skepsis sollten wir es aber schaffen, eine positive Entwicklung des Ortes und seines Fremdenverkehrs mit dem Nationalpark zu erreichen. 1995 wurde das neue Kurgastzentrum (ehemals "Altenauer Hof") seiner Bestimmung übergeben. Auf dieses Haus können die Kurbetriebsgesellschaft und die Altenauer stolz sein, denke ich. Das neue Haus muß Katalysator sein für viele neue Aktivitäten rund um unsere Gäste und mit den Gästen. Denn die Urlauber kommen mit immer höheren Erwartungen zu uns, sowohl was die Unterbringung betrifft wie auch in bezug auf Gästebetreuung und Unterhaltung. In den kommenden Jahren wird es daher einen Qualitätssprung im Altenauer Fremdenverkehr geben müssen. Vieles ist anderes geworden. Vorbei ist die gute alte Zeit, wo noch vor jeder Haustür eine Bank stand, auf der sich die "Gnadenlöhner" den Tag vertrieben. Die Nachbarn nahmen teil an Freud und Leid in ihrer unmittelbaren Umgebung. Das Gespräch zwischen den Nachbarn von hüben und drüben ist verstummt. Ein neues Zeitalter hat uns in seinen Bann gezogen. Das Medium Fernsehen und die geräuschvolle Musik aus dem Radio bestimmen unser Leben.

Wir können und wollen den Lauf der Zeit nicht aufhalten, weil wir die sich daraus ergebenden Auswirkungen nicht übersehen können. Aber wir hoffen, daß für unsere geliebte Bergstadt Altenau dereinst eine strukturelle Änderung eintritt und sie eines Tages wieder eine selbstständige Verwaltung bekommt. Der Name "Bergstadt Altenau" möge nie untergehen, sondern ewig bestehen bleiben. Das wünscht sich der Verfasser dieser Chronik.


® Limburg
14-12-99